Martin S. Müller: „Sicher hab ich mir schon einige Hörner abgestoßen.“

Geboren wurde ich am 19. März 1973 in Dresden.

Von staatlicher Seite wurde für musikalische Bildung damals schon früh gesorgt. Zumindest gesungen wurde in Kindergarten und Schule viel, auch wenn es oft nur Pionierlieder oder entsprechende rotgefärbte Kinderlieder waren. Ich erhielt meine Prägungen allerdings eher durch mein Elternhaus und die Gemeinde, in der ich mich zu Hause fühlte. In der Kathedrale (sog. „Hofkirche“) zu Dresden wurden (und werden) hauptsächlich die klassische Kirchenmusik gepflegt; Messen von Bruckner, Beethoven, Hasse, Mozart, Zelenka usw. gehörten bzw. gehören hier zur „Grundausstattung“ einer Bischofsmesse an Hochfesten. Doch irgendwie fühlte ich mich noch stärker zu anderen musikalischen Richtungen hingezogen. Und das (und deswegen muss ich jetzt mal einen kleinen Umweg über die Geschichte machen) hatte seinen Grund:

Denn das NGL war auch in der DDR keineswegs unbekannt. Im Gegenteil: Bereits ab 1959 gab es z.B. im Bistum Meißen (heute Dresden-Meißen) regelmäßig Musikertreffen, bei denen sowohl Kirchenlieder und Volkslieder als auch Spirituals und später (in den 70ern) die vor allem aus dem „Westen“ herübergeschwappten neuen Lieder mit Begeisterung gesungen und musiziert wurden.

Als maßgeblichen Initiator und Förderer der musikalischen Arbeit mit Jugendlichen in unserem Bistum ist zweifelsfrei Dieter Grande zu nennen, der hier als Priester in verschiedenen Pfarreien und später als Jugendseelsorger seit Mitte der 50er Jahre wirkte und durch seine Musikbegeisterung (er spielt selbst Saxophon) und sein Engagement mehrere Generationen prägte. Grande war es, der die schon erwähnten Musikertreffen initiierte, und schon bald (ab 1961) konnte er auch dafür Profi-Musiker und Dozenten der Musikhochschule Dresden als Referenten gewinnen. Neue Bands und Chöre entstanden, die jährlichen Musikertreffen im Winfriedhaus Schmiedeberg wurden zum Anziehungspunkt vieler Musikbegeisterter aus dem ganzen Bistum. Es gab Wettbewerbe in verschiedenen Kategorien, und bei Jam-Sessions bot der Blues eine ideale Grundlage zum Improvisieren. Von da war es nicht weit zum Spiritual- und Gospelgesang, lt. Grande sozusagen ein „innere Notwendigkeit“. In Dresden formierte sich Ende der 60er Jahre auf seine Initiatve hin eine neue Gruppe (Bigband + Chor), und die in den darauf folgenden Jahren mit Programmen für „Wortgottesdienste mit Verkündigung“ (Konzerte durfte man es nicht nennen, da man sich sonst Probleme mit den staatl. Organen einhandelte) durch die ganze DDR tourte und dabei unglaublichen Zulauf fand. Inhalte der Programme waren meist amerikanische Gospels, Spirituals und neue deutsche Lieder. Die Faszination, die von den Spirituals und Gospels ausging, kam wohl nicht von ungefähr: In den Songs von Unterdrückung, Sehnsucht nach Freiheit und Hoffnung auf Gott bzw. Jesus als den Erlöser fanden sich die Menschen mit ihren alltäglichen Erfahrungen wieder. Die „schwarze“ Gefühlswelt in dieser Musik war der Gefühlswelt hierzulande einfach sehr ähnlich und diente als Ventil, durch das der Frust und der Protest rausgelassen werden konnten, ohne gleich wegen textlicher Missgriffe belangt zu werden.

Und so haben viele Menschen hierzulande heute noch ein ganz besonderes Verhältnis zur Gospelmusik, sind Gospelchöre, -workshops und -konzerte auch im katholischen Raum sehr beliebt.

Ab Mitte der 60er Jahre wehte der der neue Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils auch im Osten Deutschlands. Neue Möglichkeiten der musikalischen Aus- und Mitgestaltung der Liturgie wurden ausprobiert und diskutiert. Besonders geeignet waren dafür die Jugendwallfahrten, die jedes Jahr am Dreifaltigkeitswochenende stattfanden. Und so erklangen denn auch hier neue Lieder oder ganze Messen von Peter Janssens, die oft aus Mangel an Notenmaterial von West-Schallplatten abgehört und neu arrangiert wurden.

Aber auch in der DDR selbst gab es Komponisten und Kirchenmusiker, die sich dieser „neuen geistlichen Musik“ offen zeigten und neue Stücke und Lieder schrieben: textlich sicherlich nicht so offen politisch wie mancher Text von Janssens oder anderer Textdichter aus dem Westen, musikalisch aber durchaus am neuen „Stil“ orientiert und für Bigband und Chor arrangiert (wie z.B. 1965 die „Rosentalmesse“ von Kurt Glaßl).

Wenn ich nun schon diesen kurzen chronologischen Abriss begonnen habe, so will ich ihn auch noch weiterführen, denn schon bald kam die Zeit, zu der ich mich stimmlich einmischen wollte (vielleicht auch zunächst etwas archaisch mit Babygeschrei). Das Jahr 1973 lag mitten in der Zeit der großen Gospel-Programme der Dresdner Gruppe, die sich später „Gospeltrain“ nannte und bei der meine Eltern von Anfang an dabei waren; beide als Chorsänger, mein Vater oft auch als Solist. Und so „atmete“ ich von Anfang an diese Musik und die Möglichkeiten einer „anderen“ Kirchenmusik ein, ohne mir dessen unmittelbar bewusst zu sein.

Natürlich wollte ich später auch ein Instrument spielen können; was lag näher als Klavier, da ich meine Mutter ab und zu (vor allem Heiligabend vor der Bescherung) spielen sah und das Instrument eh im Wohnzimmer unübersehbar dastand, zum Ausprobieren also förmlich einlud. Schon bald war klar: hier muss der Martin ordentlichen Unterricht kriegen, und so ging ich ab der zweiten Klasse in die Bezirksmusikschule Dresden (das heutige Heinrich-Schütz-Konservatorium).

Der Musiktheorieunterricht weckte mein Interesse für die Zusammenhänge für das, was ich zuhause im Radio oder auf den Schallplatten meiner Eltern hörte und nachspielen wollte.

Vor allem der Blues und der Boogie-Woogie hatten es mir angetan, das faszinierte mich und so wollte ich auch spielen können! Allerdings konnte ich dieses Repertoire nicht an der Musikschule erlernen, weshalb ich den Unterricht dort aufgab und die autodidaktische Freiheit genoss.

Inzwischen war ich im Jugendalter angekommen und das Jahr 1987 warf seine Schatten voraus, denn in diesem Jahr war etwas noch nie dagewesenes geplant: Das erste Katholikentreffen der DDR, sozusagen das Pendant zum westdeutschen Katholikentag (zu dem wir ja nicht fahren durften). Es sollte in Dresden stattfinden, und Dieter Grande, zu dem Zeitpunkt gerade Pfarrer in der Kathedrale, hatte wieder zwei große Pläne: Ein Musical („Noah unterm Regenbogen“ von Pit Janssens) und die musikalische Ausgestaltung einer großen Jugendfeier am Elbufer. Für beide Projekte wurden ein Chor und eine große Bigband zusammengestellt, mit teilweiser kurioser Besetzung. Weil viele Leute mitmachen wollten, wurden manche Stimmen einfach doppelt besetzt (z.B. 3 Rhythmusgitarren und 2 Bassgitarren!) oder bei den Bläsern noch neue Stimmen hinzugeschrieben (z.B. für Fagott und Oboe). Auch ich durfte mitmachen – meine erste Band!!! – zwar nicht als Pianist, aber immerhin war das Vibraphon noch frei.

Insgesamt war das ganze Katholikentreffen eine überwältigende Erfahrung, für mich eher zunächst auf musikalischem Gebiet, für die Gesamtheit der Katholiken der DDR jedoch war es weit mehr: Sie konnten mal aus dem Schatten des Nicht-Wahr-Genommen-Werdens heraustreten und ihren Glauben öffentlich und in einer Form zeigen, die sie so bisher nie für möglich gehalten hätten.

Das Bigband-Projekt lief nach dem Katholikentreffen in verkleinerter Besetzung nur noch ein knappes Jahr weiter, der Aufwand war schließlich riesig. Aber das Interesse an der neuen geistlichen Musik war in mir geweckt, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mit ein paar Freunden im Jahr 1991 eine eigene Band gründete und wir uns gemeinsam auf diesem Gebiet ausprobierten. Die politische Wende 1989 hatte vieles vereinfacht, aber leider nicht alles. Wo die Instrumente herkriegen, Probenraum, Technik? Irgendwie fand sich für alles eine Lösung; auch dass von fünf Gründungsmitgliedern drei ihr Instrument erst lernen mussten war irgendwie kein Problem. Und so nahm das Projekt seinen Lauf, verschiedene Ideen wurden versucht und manche wieder fallengelassen (eine Rock-n‘-Roll-Messe? – wahrscheinlich doch zu gewagt!), neue Leute kamen (manche gingen gleich wieder) und Möglichkeiten zum Ausprobieren boten natürlich – was lag näher – die neuen geistlichen Lieder, die wir zuvor schon so oft in den Jugendstunden und zu Jugendwallfahrten gesungen hatten. Wir spielten also zunächst in Jugend- oder auch Gemeindegottesdiensten, später in zunehmendem Maße auch zur Unterhaltung, da sich im Laufe der Zeit einiges an Instrumentalstücken angesammelt hatte, denn ich wollte mich auch im Selber-Stücke-Schreiben ausprobieren. Und so wurden die Partituren umfangreicher, die Notenhefter dicker und die Probenabende länger. Alles in allem war es eine wunderbare Zeit, in die auch der (nun gesamtdeutsche) Katholikentag in Dresden 1994 fiel, auf dem wir ein paar kleine Auftritte hatten.

Inzwischen hatte ich meine Lehre beendet und meine Zivildienstzeit hinter mir, und ab und zu bekam ich Fragen wie die zu hören: „Du machst doch so viel Musik, willst Du vielleicht nicht Kirchenmusik studieren?“ Das lag bisher weit außerhalb dessen, was ich mir für meine Zukunft vorstellen konnte. Ich machte zwar mit Begeisterung Musik im Gottesdienst, sang auch mittlerweile in zwei Kirchenchören, wäre aber im Laufe der Jahre nicht auf die Idee gekommen, ein klassisches Kirchenmusikstudium anzufangen (immerhin gab es eine Aufnahmeprüfung mit gewissen Anforderungen) und die Kirchenmusik als meinen Beruf zu wählen. Doch irgendwie arbeitete es in mir, und ich erkannte langsam die Möglichkeiten, die ein solcher Weg für die Zukunft zeigte. Besonders die Förderung einer „jungen Musik“ im Gottesdienst war mir ein Anliegen, und so wagte ich den Schritt.

Durch die Unterstützung von vielen Seiten und wieder neuen Klavier- und Orgelunterricht schaffte ich die Aufnahmeprüfung und konnte im Herbst 1995 mein Studium an der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden beginnen. Als ich 1999 meinen Abschluss machte, wurde gerade hier in Freiberg/Sa. die Kantorenstelle frei, so dass ich direkt nach dem Studium in den kirchenmusikalischen Alltag einsteigen konnte.

In den mittlerweile nun schon fast 10 Jahren hier ist einiges passiert: Heirat, zwei Kinder, mehrmals umgezogen, etliche Projekte gestartet, ein weiteres Aufbaustudium in Dresden neben der Arbeit.

Viele Kompositionen für die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde und für überregionale Chöre entstanden. Dabei versuche ich manchmal einen Mittelweg zu finden zwischen klassischen und modernen Klängen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Durch meine Gemeinde habe ich im Laufe der Jahre auch erfahren, dass Altbekanntes für das Glaubensleben oft genauso wichtig ist wie das Neue.

Sicher hab ich mir schon einige Hörner abgestoßen.
Trotzdem hoffe ich, dass mir immer wieder neue wachsen.

Hinweis:
Die Geschichte der Jugendmusikarbeit im Bistum Dresden-Meißen von 1945 bis 1998 war Thema meiner Diplomarbeit. Wer weiteres Interesse an diesem Thema hat, kann bei mir eine Kopie dieser Arbeit bekommen. Schickt mir einfach eine Mail!